
Ausstellung von Harald Schwarz am 15.8.2008, 20.00 Uhr im Bauhof Oberhauser/Schedler, Andelsbuch
Es war auch an einem Freitag, allerdings war es nicht Maria-Himmelfahrt, sondern ein Karfreitag vor exakt 708 Jahren. Für die schnellen Kopfrechner unter uns das Jahr 1300. An diesem Tag, dem Karfreitag des Jahres 1300, begann für einen Mann eine äußerst seltsame, phantastische, ja nahezu lebensbedrohliche Reise. Der Mann, von dem hier die Rede ist, ist einer der größten Dichter des europäischen Mittelalters, Dante Alighieri, dessen Konterfei sich mittlerweile millionenfach auf der italienischen 2-Euro-Münze findet. Die Erlebnisse zu dieser Reise hat Dante in seinem berühmtesten Werk mit dem Titel „La Commedia“ niedergeschrieben. Darin schildert er in Ich-Form seine Reise durch die drei Reiche der Toten:
Hölle, Purgatorium und Paradies.
Die Hölle und das Paradies sind jeweils in Schichten (in jeweils 9 konzentrische Kreise) unterteilt. Je näher man den tieferen Kreisen kommt, umso sündiger, und je näher man zu den höheren Kreisen kommt, umso heiliger sind die dort von Dante angetroffenen Seelen. Doch Dante befindet sich nicht allein auf seiner Reise, er wird vom von ihm hoch verehrten römischen Dichter Publius Vergilius Maro, kurz Vergil, durch das jenseitige Reich geführt. Denn diese Geschichte will es, dass der 35-jährige Dante offensichtlich vom rechten Weg abgekommen ist, obwohl er dem Berg der Tugend entgegenstreben wollte, aber stattdessen findet er sich urplötzlich in einem finsteren Tal wieder. Dort stößt er auf Vergil und bittet ihn um Hilfe.

„Du musst auf einem anderen Wege gehen, wenn du aus dieser Wildnis willst entfliehen“, entgegnete ihm Vergil.„Du musst auf einem anderen Wege gehen, wenn du aus dieser Wildnis willst entfliehen!“Harald Schwarz ist ein „Jenseitsführer“. Er führt uns mit seinen Arbeiten in das Purgatorio, in das Fegefeuer, um den Betrachtern den voyeuristischen Blick auszutreiben. Schwarz ist ein Perfektionist, der den Voyeur mit radikalen Mitteln zwingt, sein Versteck aufzugeben und sich seinerseits der Betrachtung auszuliefern, dem (nahezu) unerträglichen Zustand des erwiderten Blicks ausgesetzt. Ist das Glas nach Walter Benjamin der Feind des Geheimnisses, so ist bei Harald Schwarz speziell das verspiegelte Glas ein Gefährte, ein Freund des Geheimnisses. Sein Glas trübt die Durchsichtigkeit, es spiegelt. Unweigerlich scheitert man, will man das Darunterliegende auf Anhieb entdecken. Man ist, konfrontiert man sich mit den Werken von Harald Schwarz, trivial gesagt, sich selbst im Weg. Man steht sich selbst im Weg. Das Ich und seine Umgebung wird unentwegt in dem zu schauenden Bild gespiegelt. Das Auge muss immer wieder neu fokussieren, sich zu einem erkennbaren Detail vortasten, abwägen, und erst nach einer bestimmten „Anpassungsphase“ öffnet sich das Bild dem Betrachter.Wir erinnern uns: „Du musst auf einem anderen Wege gehen…“ Harald Schwarz ist unbarmherzig und zwingt uns zu einem gleichsam pornographischen Blick, den Blick fürs Detail. Aus den Details und Ausschnitten, den Close-Ups, werden bei näherem Betrachten flächendeckende, identifizierbare Arbeiten. Hat man diese eine Hürde auf dem Weg zur Identifizierung genommen, wartet unversehens eine weitere. „Bis hierher und keinen Schritt weiter!“, signalisieren die Portraits von Harald Schwarz dem Betrachter und damit den Anspruch auf eine Intimsphäre – als wollten sie ihre Intimität schützen. Es geht um das spannende Spiel, dass Dinge gezeigt und gleichzeitig nicht gezeigt werden. Stellen sie etwas zur Schau, das dann doch im Verborgenen bleibt? Ein „Schwarz(sch)es“ Kalkül?Harald Schwarz, dessen einstmaliges Zuhause die Fotografie und die virtuelle Welt, das Morphing und das Webdressing waren, entlarvt diese Welt nun als inszeniertes, manipulierendes Medium. Denn kaum eine fotografische Technik fordert und erzeugt so viel Präzision wie die Detailgenauigkeit und den hohen Authentizitätsgrad seiner Bilder. Licht und Zeit manifestieren sich in einer besonderen Genauigkeit. Kompromisslos brennt er die unretuschierte Wahrheit auf das Fotopapier, so dass nur noch Raum für absolute Wahrhaftigkeit bleibt. Kein Makel wird verhüllt, alle Spuren, die das Leben ins Gesicht gezeichnet hat, werden offen gelegt. So wird nicht nur eine faszinierend präzise Oberflächenstruktur sichtbar, sondern der Betrachter erhält den Eindruck, durch den Blick des Portraitierten in dessen Innerstes schauenzu können. Recht auf Einsicht! Die Augen der Portraitierten werden von Harald Schwarz manchmal wie Versatzstücke eingesetzt, muten seltsam fremd an, porzellanen, blind – und manchmal leuchten sie stechend scharf aus den nur scheinbar mehr und mehr ins Unscharfe gleitenden Gesichtern, die von tiefem Schwarz umhüllt sind, und geben so Einblick in die Persönlichkeit der Abgelichteten. In ihrer Präzision suchen die Werke von Harald Schwarz ihresgleichen. Seine Portraits sind sphärisch, Augurengesichter, arretiert in einer Zwischenwelt, kompromisslos, dennoch luzid und flüchtig zugleich, in ihrer Detailtreue ebenso atemberaubend wie in ihrer magischen Gesamtwirkung als zeitgenössische Ikonen des menschlichen Antlitzes. Harald Schwarz gelingt es, in der Verbindung von Fotografie und malerischer Umsetzung eine intensive Bildwahrnehmung zu erzeugen, die sowohl dem Betrachter unvergesslich bleibt als auch die Dargestellten in ein Abbild von zwingender Gültigkeit überführt. Frozen Faces, eingefroren wie die Verräter im Eissee Cocytus, dem 9. und tiefsten Kreis der Hölle in Dantes Commedia. Moratorien. Einzelhaft bis zum Jüngsten Gericht. Auf eine Erlösung wartend, wo keine Erlösung? Oder werden unsere Blicke von Erlösten erwidert?Was wir hier sehen, ist etwas Originäres, zugegeben, in der besten Tradition der Fotorealisten und deren Godfather Chuck Close, aber dennoch etwas vollkommen Eigenständiges. Nicht oft passiert es, dass wir auf unserer Reise durch den Raum und die Zeit, die uns gegeben sind, innehalten und für ein paar Augenblicke verweilen. Die Werke von Harald Schwarz sind dazu imstande, uns anzuhalten.
Sehr geschätzte Damen und Herren, alle, die wir hier stehen, werden irgendwann einmal ein „letztes Bild“ vor Augen haben. Man sagt, dass das Bild nach dem letzten Bild weiß ist, und dann wird auch eine Reise ihren Anfang nehmen. Heute Abend bin ich geneigt zu sagen, das Bild nach dem letzten Bild ist … Schwarz!
Text: Thomas Schiretz















































